Jul
22
2016

SILLY: Tamara Danz 14.12.1952 – 22.7.1996

Der „SPIEGEL“ nannte sie einmal den „vielleicht einzigen Rockstar, den die DDR je hervorgebracht hat.“ Wie wir wissen, waren es doch einige mehr, aber die Formulierung ist sicher der Versuch, sie als etwas Besonderes, als Ausnahmeerscheinung zu beschreiben. Denn das war sie auf jeden Fall – die Berliner Sängerin Tamara Danz von SILLY.

Text: Christian Hentschel

Ich werde Sängerin!
Geboren wurde Tamara Danz wenige Tage vor Weihnachten 1952 im thüringischen Breitungen, einem halbwegs großen, aber damals auf jeden Fall stillen Dorf, irgendwo zwischen Schmalkalden und Meiningen. Doch die Beschaulichkeit sollte bald aus dem Leben der kleinen Tamara weichen. Ihr Vater, ein Baumaschineningenieur, arbeitete als Handelsrat und so gehören selbst rumänische und bulgarische Städte zu den Wohnorten ihrer Kindheit. Als Jugendliche landete Tamara mit ihren Eltern schließlich in Ostberlin. Sie machte ihr Abitur im grünen Bezirk Treptow und wollte Dolmetscherin werden. Doch zu dieser Zeit war Tamara längst vom Rock’n’Roll-Virus infiziert. Sie sang bei den „Cropies“, einer Schulband, deren Name sich vom Bandleader Uwe Kropinski, einem später sehr populären Jazzgitarristen, ableitete.

Berlin/11.01.1986/DDR-Rockband - Silly/Rock fuer den Frieden/Tamara Danz (geb. 14. Dezember 1952 in Breitungen/Werra, gest. 22. Juli 1996 in Berlin) war die Frontfrau der ostdeutschen Gruppe Silly. Sie verstarb im Alter von 43 Jahren an Krebs. Haeufig wurde sie auch ?Tina Turner des Ostens? genannt. Ihr Abitur macht sie 1971 in Berlin, wo sie auch Saengerin der Band ?Die Cropies? ist. Ihr Philologiestudium bricht sie nach zwei Jahren ab, ihre Bewerbung an der Hochschule fuer Musik ?Hanns Eisler? wird abgelehnt. Sie singt weiter bei diversen Bands, unter anderem beim ?Oktoberklub?. Nach dreijaehriger Ausbildung erhaelt sie 1977 ihren Berufsausweis an der Musikschule Friedrichshain. 1978 stoeßt sie dann zur Familie Silly, die 1980 in Silly umbenannt wird. 1981 wird Tamara zur besten Rocksaengerin des Jahres gewaehlt (?Rocklady Nr. 1 der DDR?), '83, '85 und '86 wird sie wiederum ?Saengerin des Jahres?. Sillys erste LP wurde auf abenteuerlichen Wegen 1981 zuerst in der BRD veroeffentlicht, Amiga zog im gleichen Jahr nach. Die um 1980 auch in der DDR registrierte Neue Deutsche Welle, sowie New Wave und New Romantic erweiterten das Spektrum erheblich, sodass sich auch Silly zu diesen neuen Toenen entschloss. In der Besetzung (Danz, Barton, Schafmeier, Fritzsching, Schramm) wurde die 83er LP ?Mont Klamott? eingespielt. 1984 stieg Schafmeier aus und wurde durch Herbert Junck ersetzt. Spaetestens nach der 85 erschienen zweiten Lp waren Silly der Top-Act des Landes.

Das Dolmetscherstudium nahm Tamara trotzdem auf, doch nach anderthalb Jahren schmiss sie hin. Der Wunsch, Sängerin zu werden, dominierte. Allerdings wurde sie an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin, dem Mekka vieler Rock- und Popmusiker der DDR, abgelehnt. Wer Tamara jemals kennenlernen durfte, weiß aber auch, dass sie ihre Ziele nie so schnell aufgab. Also sang sie in einer Band im Background (das war die Horst-Krüger-Band, in der sie mit dem späteren Gitarristen und Schlagzeuger von KARAT musizierte) und drückte nebenbei die Schulbank der Musikschule Friedrichshain, ein weiteres Mekka der Ostrocker. Wer in der DDR hauptberuflich Musik machen wollte, brauchte dazu die „Pappe“. Den Berufsausweis gab es jedoch nur, wer eine entsprechende Ausbildung vorweisen konnte. Tamara Danz wurde 1977 Profi, noch aber kannte sie kaum jemand.

Die frühen Jahre
Den Musikerkollegen Ostberlins fiel sie allerdings schon länger auf und wurde prompt vom
Fleck weg engagiert – Tamara Danz gehörte 1978 zu den Gründungsmitgliedern der „Familie Silly“.  Ein verrückter Haufen, der in Reggae, Boogie und Funk verliebt war. Ein Stück weit die Mother Finest des DDR-Rocks. Sehr speziell und sehr anders als so vieles im Ostrock, aber auch noch fernab von jeder Breitenwirksamkeit. Es gesellten sich jedoch ebenso die ersten New Wave-Einflüsse dazu und bahnte der Band einen Weg zu einem ganz eigenen Stil. Um sich Equipment und eine Anlage leisten zu können, tingelte Tamara mit ihren Musikern durch rumänische und bulgarische Hotelbars und spielte hier zum Tanz. Es kam auch ein Engagement aus Norwegen, doch das mussten die SILLY-Musiker ohne ihre Sängerin bestreiten – Tamaras Reisefreiheit beschränkte sich damals auf den Ostblock. Ein Schicksal, das sie sich mit den meisten DDR-Bürgern teilte.

21-Silly-1981FotoH.SchulzeDie ersten Veränderungen im SILLY-Gefüge fielen auf, als sie 1980 den Zusatz „Familie“ im Bandnamen weglassen. Schon ein Jahr später wurde Tamara erstmals zur „Sängerin des Jahres“ gewählt (in den Folgejahren wurde sie das immer wieder), 1981 erschien auch die erste LP bei AMIGA. Das Debüt hat viele originelle Aspekte und verblüfft mit außergewöhnlichen Details. Es sind aber noch nicht die SILLY’s, die bis heute ihren ungebrochenen Platz in unseren Herzen haben.


Die Achtziger
1981 lernte sie den Keyboarder Ritchie Barton kennen- und lieben. Der wechselte sofort von der damals wesentlich bekannteren Band CITY in die noch frische Silly-Formation. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung zum 1983er Album „Mont Klamott“, das den Deutschrock des Ostens gehörig auf den Kopf stellte und SILLY zu einer der wichtigsten Bands machte. Die Geschichte ist bekannt und an anderer Stelle erzählt. Nur soviel: mit jedem Album toppten sie das eh schon hohe Level ein weiteres Mal. Sowohl „Mont Klamott“, als auch „Liebeswalzer“ (1985), „Bataillon d’Amour“ (1986) und „Februar“ (1989) sind allesamt Meilensteine. Natürlich hat der SILLY-Erfolg viele Gründe, aber zweifelsohne geht der Löwenanteil an Tamara Danz. „Eine sehr charismatische Künstlerpersönlichkeit mit einer faszinierenden Stimme, die die emotionale Ballade genauso wie das New Wave-gefärbte Rockstück beherrschte. Silly+1987+©+Herbert+SchulzeEine Strahlkraft, die auch heute, 20 Jahre nach ihrem viel zu frühen Tod, nach wie vor anhält“, steht im Booklet zur neuen CD/DVD-Veröffentlichung „Tamara Danz – Asyl im Paradies“ geschrieben. Im Achtzigerjahrzehnt wurde Tamara Danz noch in einem weiteren Projekt als Sängerin aktiv: 1986 fand sich mit den Gitarreros eine zeitweilige Supergroup des Ostrocks. Musiker und Sänger von Karat, Pankow, City, Rockhaus, Stern Meißen und NO55 sangen und spielten die Hits der jeweiligen Bands und internationale Klassiker. Mit dabei: Tamara am Frontmikro. Hier lernte sie auch den Stern Meißen-Gitarristen Uwe Hassbecker kennen, der noch im selben Jahr zu SILLY wechselt und später ihr Ehemann wird.

Asyl im Paradies
Zu Beginn der Neunziger war es ungleich schwerer, sein Publikum zu erreichen. Im wiedervereinten Deutschland stockte auch der SILLY-Fan erst einmal seine Plattensammlung mit den Schätzen aus dem Westen auf und ging endlich in ein Stones-Konzert. So bekam das SILLY-Album „Hurensöhne“ (1993) nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hatte, denn der erste Wurf aus den Neunzigern ist eine fantastische Platte. Zwölf Songs stammen aus der Texter-Feder von Tamara, bei zwei weiteren Liedern hatte sie mitgeschrieben. Es war längst keine Überraschung mehr, denn schon auf „Februar“ begann die Sängerin, die sich sonst auf die wie für sie gemachten Worte von Werner Karma verließ, mit dem Liedermacher Gerhard Gundermann die Lyrics zu schreiben. Auf „Paradies“ (1996) zeichnete Tamara, die ab 1994 noch einziges Gründungsmitglied von SILLY war, schließlich allein für alle Texte verantwortlich. Ebenso wird sie unter den Komponisten und Produzenten des Albums aufgeführt. Doch es sollte Tamaras letzte Platte werden. Während der Arbeit daran erhielt sie die Brustkrebsdiagnose. „Allein die Vorstellung, dass sie um diese Krankheit wusste, als sie das Titelstück „Asyl im Paradies“ einsang, macht dieses an sich schon wundervolle Lied zu einem der am tiefsten berührenden Popsongs deutscher Zunge, auf einer Ebene mit Herbert Grönemeyers ‚Mensch’, schreibt das Musikmagazin SCHALL anlässlich des 20.Todestages. Am 22.Juli 1996 ist Tamara Danz viel zu jung mit nur 43 Jahren gestorben. 18 Jahre lang war sie Herz und Kopf von SILLY – und hat sich damit unsterblich gemacht.

 

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