May
20
2015

Klaus Renft Combo: Poltergeist des Ostrock

Die Anarchisten um Renft gelten als das wichtigste Bandprojekt der DDR-Musik. Seine Musiker ließen sich nicht verbiegen, setzten sich für eine menschenwürdigere Gesellschaft ein, nahmen Auftrittsverbote, Stasi-Gefängnis und Ausbürgerung auf sich – und wurden zu etwas Höherem: zu einer Lebensauffassung, zu einem Geist.

Text: Wolfgang Martin

Renft waren von Anfang an die Bad Boys. Mit ihren kantigen, aufbegehrenden Liedern „zwischen Liebe und Zorn“ identifizierten sich systemkritische Jugendliche in höchstem Maß. Dies trugen sie öffentlich zur Schau, wenn sie, wie die Musiker in Jeans und Parkajacken gekleidet, zu den Konzerten pilgerten. Besonders bei den Konzerten, die nicht in den vom offiziellen DDR-Kulturbetrieb und der FDJ gesteuerten Jugendklubs stattfanden. Und da gab es einige in den Renft-Hochburgen ihrer Heimatstadt Leipzig, in Thüringen, an der Ostsee oder in Ost-Berlin – so klein war das Land nun auch wieder nicht.

Dauer-Abo für Auftrittsverbote

Immerhin geht die Geschichte der Gruppe Renft auf das Jahr 1958 zurück, als der damals 16-jährige Gitarrist und Bassist Klaus Jentzsch in Leipzig zunächst das Klaus Renft Quintett gründete. Der Name Renft bezog sich auf den Mädchennamen seiner Mutter und war fortan sein Künstlername. Beeinflusst vom amerikanischen Rock’n’Roll und der aufkommenden britischen Beatmusik, wurde die Band schnell zum Kult- und Insidertipp in und um Leipzig. Allerdings handelte sie sich ebenso schnell Ärger mit den Funktionären und politischen Machthabern der DDR ein. Es sollte der Beginn einer immer wieder vom zeitweiligen bis zum endgültigen Auftrittsverbot unterbrochenen „Oppositions“-Karriere werden.

Renft_DT64_WebNach einer erneuten Verbotsphase kam es für Renft 1964 zu einer vorübergehenden politischen Tauwetterperiode, insbesondere wegen des in Ost-Berlin stattfindenden „Deutschlandtreffens der Jugend“. Klaus Renft gründete im selben Jahr „The Butlers“ (schon der englische Name war eine Sensation), die Gruppe machte Schallplattenaufnahmen für AMIGA und spielte schließlich live beim Deutschlandtreffen. Renft erinnerte sich später in einem Interview: „Es waren ein paar Tausend Menschen da. Wir fingen mit einem Stones-Titel an, und es war eine Euphorie – das kann sich kaum einer vorstellen, fast eine Massenhysterie! Wir waren doch auf so etwas nicht vorbereitet. Wir waren ja von der Provinz.“

Beatkrawalle in Berlin und Leipzig

Die Freude währte nur kurz, denn als die Fans während eines Konzertes der Rolling Stones 1965 die Westberliner Waldbühne zerlegten, gab es ein komplettes Beatverbot in der DDR, was sich durch die legendären „Leipziger Beatkrawalle“ noch verschärfen sollte, bei denen Jugendliche gegen das Auftrittsverbot ihrer Gruppen (insbesondere der Butlers) demonstrierten.

Ab 1967 gab es den nächsten vorsichtigen Start der Klaus Renft Combo: Denn im Zuge einer offiziell gesteuerten Medienkampagne wurden damals alle Anglizismen in Bandnamen verboten. Ab 1969 begann Renft die Zusammenarbeit mit dem regimekritischen Liedermacher Gerulf Pannach, der neben Kurt Demmler die starken Texte für die Renft-Combo schrieb. Rundfunk und Fernsehen der DDR hatten damals den Befehl erhalten, dem „nicht mehr zu kontrollierenden Ausmaß der Beeinflussung der Jugend in der DDR durch die Westmedien“ etwas Eigenes entgegensetzen – und da durfte die Klaus Renft Combo zunächst dazugehören. Vier gute Jahre lang spielte die Band landauf, landab, u.a. bei den Weltfestspielen der Jugend vor internationalem Publikum 1973 in Ost-Berlin – trat in Rundfunk- und Fernsehsendungen auf, platzierte ihre Songs sogar in DEFA-Filmen („Für die Liebe noch zu mager“ und „Wie füttert man einen Esel“) und produzierte zwei Langspielplatten für AMIGA mit eigenen Songs, die heute zu den wichtigsten Platten der gesamten DDR-Rockmusikproduktion zählen.

Renft_Reunion_WebDer kleine Otto macht Ärger

Mit ihrem zweiten Album 1974 nannte sich die Band fortan nur noch „Renft“. Ihr Erfolg fußte neben den kritischen Texten und der hohen Authentizität auch auf der Fortschrittlichkeit ihrer damaligen Musik, stark beeinflusst vom amerikanischen Folk-Rock und vom englischen Art-Rock. Auch emotionale Balladen stachen heraus, darunter das mit einem deutschen Text von Christian „Kuno“ Kunert ins Repertoire aufgenommene „Helpless“ von Crosby, Stills, Nash & Young (als „Hilflos“ auf der Renft-CD „Hits + Raritäten“ zu finden).

War es vielen Funktionären schon mit einigen bei AMIGA veröffentlichten Titeln zu weit gegangen, waren ihnen die Konzerte von Renft mit den neuen Songs für das geplante Album – vor allem die „Rockballade vom kleinen Otto“ – ein noch größerer Dorn im Auge.
Im Sommer 1975 wurde die Gruppe von der Leipziger Konzert- und Gastspieldirektion ein weiteres Mal und nunmehr endgültig verboten. Die Musiker waren so zermürbt, dass sie entweder „freiwillig“ in die BRD ausreisten oder wie Pannach und Kunert nach mehrmonatigem Stasi-Knast ausgebürgert wurden. Nur zwei Mitglieder, Sänger und Gitarrist Peter „Cäsar“ Gläser sowie Schlagzeuger Jochen Hohl, machten in der Leipziger Gruppe Karussell weiter.

Renft steigt als Geist gen Himmel auf

Erst nach dem Mauerfall kehrten Renft 1990 zu einer Wiedervereinigungs-Tournee zu ihren Fans in die ehemalige DDR zurück, und 2003 feierte die Band auf Rügen ihr 45-jähriges Bestehen. Doch fortan meinte es das Schicksal nicht mehr gut mit ihr: 1998 starb Gerulf Pannach, 2005 folgte Multi-Instrumentalist Peter „Pjotr“ Kschentz, 2006 schließlich erlag der Bandgründer Klaus Renft seinem sechs Jahre zuvor diagnostizierten Krebsleiden und 2008 starb Komponist, Gitarrist und Sänger Peter „Cäsar“ Gläser ebenfalls an Krebs. Klaus Renft sagte einmal: „Unsere Band verstand sich immer als ein Haufen Individualisten, als eine bunt gewürfelte Truppe der Unberechenbaren. Wir waren ein struppig-anarchisches Projekt, eine Lebensauffassung.“

Renft_MuG_WebRenft: Die größten Hits
Wer sich in das Schaffen von Renft über alle Epochen der Band hineinhören möchte oder eine umfassende Sammlung der wichtigsten Songs sucht, wird in der Serie „Die Musik unserer Generation“ fündig: „Renft – Die größten Hits“ zeigt, warum Renft als wichtigstes musikalisches Projekt der DDR bezeichnet wird.
WEITERLESEN DER TAG, AN DEM RENFT VERBOTEN WURDE


Das komplette Tracklisting:
1. Zwischen Liebe und Zorn
2. Der Apfeltraum
3. Kinder, ich bin nicht der Sandmann
4. Wer die Rose ehrt
5. Nach der Schlacht
6. Als ich wie ein Vogel war
7. Ermutigung
8. Rockballade vom kleinen Otto
9. Ketten werden knapper
10. Chilenisches Metall
11. Besinnung
12. Ich und der Rock
13. Aber ich kann’s nicht verstehn
14. Gänselieschen
15. Baggerführer Willi
16. Als ob nichts gewesen wär
17. Wenn du groß wirst inner Kleinstadt
18. Ich bin verliebt