Feb
8
2017

DIE LEGENDEN DES OSTROCK – VOL. 2

Die Legenden des Ostrock Vol. 2

Was die Bands Renft, Stern Combo Meißen, Pankow und Rockhaus gemeinsam haben? Alle vier Gruppen haben ihren festen Platz in den Annalen deutschsprachiger Rockmusik, sind nach wie vor aktiv und nun auch gemeinsam auf einer Doppel-CD zu finden. Diese heißt „Die Legenden des Ostrock Vol.2“ und ist die opulente Fortsetzung des ersten Teils mit den Puhdys, Karat, Silly und City. Während Renft und Stern Combo Meißen schon in den 1970ern ihren Kultstatus untermauerten, entstaubten Pankow und Rockhaus den Ostrock der 1980er.

Text: Christian Hentschel

 

 

Zwischen Liebe und Zorn

Renft

Renft feiern 2017 ihr 50-jähriges mit einer umfangreichen Jubiläumstour. Zwar reichen die Anfänge der Band bis ins Jahr 1958 zurück, doch für das aktuelle Jubiläum wurde die Zeit bis zum ersten Verbot 1962 außen vorgelassen. 1967 formierte sich die Klaus-Renft-Combo neu und begann, eigene Songs zu schreiben. Schnell wurden Renft die Band der Stunde. Ihr Sound war laut und unverfälscht, in ihren Texten nannten sie die Dinge stets beim Namen – was immer wieder zu Problemen mit staatlichen Organen führte. 1975 wurden Renft endgültig verboten.

 

Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands ging die Geschichte der Band weiter. Auf „Die Legenden des Ostrock Vol.2“ sind ihre Kulthits wie „Zwischen Liebe und Zorn“, „Als ich wie ein Vogel war“ und „Wer die Rose ehrt“ sowie neuere Stücke wie „Wenn du groß wirst inner Kleinstadt“ zu finden.

Wir sind die Sonne

Stern Combo Meißen

Als der jetzige Stern Combo Meißen-Sänger Manuel Schmid 1984 geboren wurde, feierte Ostdeutschlands Progrockband Nr.1, die Platten bis nach Japan verkaufte, bereits ihr 20-jähriges. Etwas Besseres als Schmid konnte den Altrockern um Bandgründer Martin Schreier nicht passieren. Ihm gelingt es, die Eloquenz und den Pathos der 1970er (als Reinhard Fißler noch Sänger war) mit der Frische, mit der die Kultformation ein Jahrzehnt später angetreten war, zu koppeln. Die Songauswahl auf „Die Legenden des Ostrock Vol.2“ reicht von Klassikern wie „Der Kampf um den Südpol“, „Also was soll aus mir werden“ und „Wir sind die Sonne“ (in einer Liveversion mit Schmid als Sänger) über neuere Stücke wie „Lebensuhr“ bis hin zu Klassikadaptionen von Mussorgski und Vivaldi.

Aufruhr in den Augen

Pankow

Als Pankow 1981 an den Start gingen, glich es einem Beben in der ostdeutschen Musikszene. Das 1970er-Jahrzehnt stand für eher liedhaften und oft klassisch inspirierten Rock mit Metaphern in den Texten, die erst bei wiederholten Hörgängen ihre Brisanz offenbarten. Die Band um Sänger André Herzberg und Gitarrist Jürgen Ehle war praktisch der Gegenentwurf. Ihre Songs mit Themen aus dem wirklichen Leben, gepaart mit New Wave und Punk, waren eine einzige Provokation. So durfte z.B. der 1982-er Livemitschnitt „Paule Panke – Ein Tag aus dem Leben eines Lehrlings“ erst sieben Jahre später veröffentlicht werden. Und 1988 lieferten Pankow mit dem Album „Aufruhr in den Augen“ vorab den Soundtrack zur Wende, im Song „Langeweile“ heißt es „Zu lange das selbe Land geseh’n/ zu lange die alten Männer verehrt“. Sowohl „Aufruhr in den Augen“ als auch „Langeweile“ sowie „Rock’n’Roll im Stadtpark“, „Wetten, du willst“ und das neue Lied „Es gibt keine besseren Zeiten“ finden sich auf „Legenden des Ostrock Vol.2“.

Disco in der U-Bahn

Hervorgegangen aus zwei Schülerbands mauserten sich Rockhaus Anfang der 1980er schnell zur angesagten Band – speziell unter jüngeren Fans. Die Songs frisch und authentisch, das Auftreten bunt und frech (z.B. bekundeten die Newcomer im DDR-TV, dass sie die Puhdys ablösen wollen). Ihr 1983er Song „Disco in der U-Bahn“ (auch auf „Die Legenden des Ostrock Vol.2“ zu hören) gilt als erstes deutschsprachiges Hip Hop-Stück. Fünf Jahre später legten die Rockhäuser ihren Teenie-Habitus ab und zeigten sich als gereifte Band mit Tiefgang. Mit großem Erfolg: ihr 1988er Album „I.L.D.“ ist ein bis heute gültiger Klassiker. Auszeichnungen wie Band, Sänger, Album und Hit des Jahres blieben keine Seltenheit. Ebenso führten Rockhaus 1988, 1989 und 1990 die DDR-Jahrescharts an. In aller

Rockhaus

Regelmäßigkeit veröffentlicht die Band um Mike Kilian neue Alben und geht auf Tour. Aktuell mit dem Album „Therapie“. Der stärkste Song des Albums, „Kaleidoskop“, findet sich auch auf „Die Legenden des Ostrock Vol.2“ neben den großen Rockhaus-Hits „Mich zu lieben“, „I.L.D.“ und „Parties“.

Leider hat die Band mit Carsten „Beathoven“ Mohren am 31.01.17 nicht nur einen Musiker, Komponist, Arrangeur und ihren Keyboarder, sondern auch einen tollen Menschen verloren. Auf dem Album „Legenden des Ostrock“ ist er nochmal als Songschreiber mit dem Titel „Wir“ vertreten.

 

 

CoverDas 36 Songs umfassende Tracklisting der neuen AMIGA-Doppel-CD liest sich wie das Who Is Who der größten Ostrockklassiker. Neben vielen weiteren Songperlen etwa „Der blaue Planet“, „König der Welt“, „Jede Stunde“ und „Über sieben Brücken“ von KARAT, „Wenn ein Mensch lebt“, „Alt wie ein Baum“ und „Das Buch“ von den PUHDYS, „Am Fenster“ und „Casablanca“ von CITY sowie „Mont Klamott“ und „Bataillon d’Amour“ von SILLY. Die liebevoll zusammengestellte Compilation geht dabei noch einen Schritt weiter und berücksichtigt Highlights der vier Bands aus den Neunziger- und Nullerjahren, etwa „Halloween in Ostberlin“ von SILLY, „Wilder Frieden“ von den PUHDYS oder CITY’s „Flieg ich durch die Welt“. Nicht zuletzt ist „Legenden des Ostrock“ ein veritables Erinnerungsstück an die viel zu früh verstorbenen SängerInnen Tamara Danz von SILLY und Herbert Dreilich von KARAT.

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